„Unser alter/ ist das alter, dem es schwerfällt,/ sich zu bücken, leichter doch,/ sich zu verneigen“. So etwas findet sich in dem Gedichtband „die stunde mit dir selbst“ von Reiner Kunze. In der DDR wurde er schikaniert und bedroht, weil er schrieb, was er wahrnahm, im Westen Deutschlands verteidigt er, der polyglotte Dichter, die Ausdrucksmöglichkeiten der Muttersprache. Volker Strebel porträtiert den Schriftsteller, der nun 90 Jahre alt geworden ist.
Am 16. August 1933 wurde Reiner Kunze als Sohn eines Bergarbeiters und einer Kettlerin im erzgebirgischen Oelsnitz geboren. Trotz seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen standen ihm in der jungen DDR alle Wege offen. Was Wunder, daß er als begeisterter Jungkommunist die Möglichkeiten nutzte. Einem Studium der Philosophie und Journalistik in Leipzig folgten erste Veröffentlichungen. Doch der Konflikt mit der Staatsmacht ließ nicht auf sich warten.
Seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent mit
Lehrauftrag von 1955–1959 mußte er nach schweren politischen Angriffen
abbrechen, es folgte ein physischer Zusammenbruch. „Das Jahr 1959 war in
meinem Leben die Stunde Null“, so Reiner Kunze über diese Jahre.
Nachdem in der benachbarten Tschechoslowakei eine junge Ärztin im Radio
Gedichte von Reiner Kunze hörte, nahm sie Kontakt auf. Seit 1959
entspann sich ein intensiver Briefkontakt mit Elisabeth Littnerová, 1961
kam es zur Heirat. Reiner Kunze verdankte ihr nicht zuletzt die
Begegnung mit der tschechischen Literatur. Seine poetische
Ausdrucksweise wurde einer fundamentalen Änderung unterzogen: „Durch die
Begegnung mit der tschechischen Poesie ist mir erstmals das Wesen des
Poetischen voll bewußt geworden“. Es folgten erste veröffentlichte
Übersetzungen von tschechischen Dichtern. So setzte sich Reiner Kunze
über Jahrzehnte hinweg etwa für das dichterische Werk des mährischen
Lyrikers Jan Skácel ein. Im Laufe von sechs Jahrzehnten hat Reiner Kunze
Texte von über sechzig tschechischen Dichtern in das Deutsche
übertragen. Zu Ehren des 90. Geburtstages von Reiner und Elisabeth Kunze
wird im Oktober 2023 in Passau eine deutsch-tschechische Ausstellung
unter dem Titel „Ich habe die tschechische Sprache geheiratet“
eröffnet.
Im November 1976 wurde der mit Reiner Kunze befreundete Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert. 1977 erschien Kunzes Prosasammlung „Die wunderbaren Jahre“ in der Bundesrepublik mit Bildern aus der DDR, die poetisch und politisch unter die Haut gehen. Es folgte sein Ausschluß aus dem Schriftstellerverband der DDR. Unmißverständlich waren die Hinweise des damaligen Kulturministers, daß für Kunzes physische Sicherheit nicht mehr garantiert werden könne. Nach Andeutung einer möglichen Inhaftierung Kunzes und seiner Frau folgte 1977 die Übersiedelung in die Bundesrepublik Deutschland. Die jahrelange Ausspähung und Überwachung Kunzes und seiner Familie durch die Staatssicherheit der DDR wurde 1990 in der Dokumentation „Deckname ‚Lyrik’“ belegt.
Nach markanten Gedichtsammlungen wie „Zimmerlautstärke (1972)
folgten auch nach Kunzes Niederlassung in der Bundesrepublik nicht
häufig aber stetig in nachdenklicher Stille gereifte Lyrikbände wie etwa
„auf eigene hoffnung“ (1981), „eines jeden einziges leben“(1986),
„lindennacht“ (2007) oder zuletzt „die stunde mit dir selbst“ (2018),
die Kunzes ungebrochene Meisterschaft in der Spiegelung poetischer
Sprache belegen: „Die Aufgabe des Gedichts ist es zu sein. Seine
Existenz selbst ist die Veränderung, die es für die Welt bedeutet“.
Zugleich läßt sich sowohl eine thematische wie auch gattungsmäßige
Ausweitung seines Schaffens feststellen. Nach einem Aufenthalt in
Namibia legte Kunze den Band „Steine und Lieder“ (1994) vor, in welchem
er verarbeitete Notizen erstmals auch mit seinen Fotos
präsentiert.
Intensiv meldete sich Reiner Kunze zur sogenannten Rechtschreibreform
von 1996 zu Wort, die er als substantiellen Eingriff in die
Sprachfähigkeit anprangerte. In Stellungnahmen und Wortmeldungen wie
„Die Aura der Wörter“ (2004) setzt er sich vehement für deren
Abschaffung ein: „Je niedriger das Denkniveau, desto undifferenzierter
die Sprache, und je undifferenzierter die Sprache, desto
fortschreitender ihre Verarmung“. Den „Sprachgenderismus“ entlarvt Kunze
vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit totalitären Regimen und
deren Zugriff auf die Sprache als Versuch, letztlich das Denken zu
regulieren. Redewendungen wie „Übung macht den Meister“ oder der
„Klügere gibt nach“ können in dieser Form nicht mehr verwendet werden,
da „die geschlechtsübergreifende Bedeutung nicht mehr gedacht werden
darf“.
Im Jahr 2006 rief Reiner Kunze zusammen mit seiner Frau die gemeinnützige Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung ins Leben, die das Wohnhaus nach dem Ableben der Stifter zu einer kulturellen und grenzüberschreitenden Begegnungsstätte vorsieht. Ein weiterer Zweck dieser Stiftung ist es, zum Teil erschütternde Dokumente über das künstlerische Leben im geteilten Deutschland zugänglich zu machen. Deutlich wird die Prägung in Reiner Kunzes Schaffen zum Ausdruck gebracht, ausgerichtet an einer Ästhetik, welche die Ethik nicht verleugnet und kritische Stellungnahme nicht scheut.
Für sein Werk, das in dreißig Sprachen übersetzt wurde, erhielt
er Dutzende nationaler und internationaler Auszeichnungen und Preise,
so u.a. den Übersetzerpreis des Tschechoslowakischen
Schriftstellerverbandes (1968), den Georg-Büchner-Preis (1977), den
Geschwister-Scholl-Preis (1981) sowie den „Memminger Freiheitspreis
1525“ (2009).
Am 16. August 2023 feierte Reiner Kunze seinen 90. Geburtstag.