SEITENWECHSEL heißen Tagebuchnotizen aus dem Rheinland, aus Riga, Portland, Oregon; aus Barcelona und Kathmandu. Kathrin Schadt ist eine von sechs Autorinnen und Autoren des aktuellen SEITENWECHSELS, der von Faust-Kultur aufgenommen wird. Ihre Notizen berichten vom Verlust, vom Abschiednehmen, von einem Abschiednehmen, das nicht enden will, aber auch von der hoffnungslosen Veränderung derjenigen, die den Verlust erlitten hat.
4.00
Morgengrauen
Wenn jemand geht, heißt es, bleiben die anderen zurück. Im letzten Jahr
(oder sind es schon zwei?) sind viele gegangen und viele
zurückgeblieben. Der Jahreskreis hat sich still gerundet. Auch Trauer,
heißt es, braucht ein Jahr, sich zu runden, vier Jahreszeiten, die
Markierungen der Vergänglichkeit, um sich an ihnen abzuarbeiten. Wenn
jemand geht also, bleibst du zurück? Wenn jemand geht, bewegst du dich
doch ebenfalls fort, von dieser geteilten Zeit, diesem gemeinsamen Ort,
an dem der Abschied stattgefunden hat. Und nichts mehr ist, wie es dort
und da vor war. Auch du bewegst dich weg von diesem Kreuz auf dem
Boden^1^ hier warst du vielleicht glücklich, vielleicht nicht und du
begibst dich auf einen neuen, unbekannten Weg. Wenn jemand geht also,
ist das Abschied und Neuanfang, für beide. Auch ein Abschied von dir
selbst, dem Du, das du warst, dort verbunden mit jemand, das jetzt nicht
mehr ist. Was zurückbleibt, ist diese Gemeinsamkeit. Und was du
mitnimmst, die Erinnerung daran. Sie ist nicht statisch, sie ist keine
letzte Wahrheit, sie ist eine Formwandlerin unter deinen Schritten, die
du dich von eurem gemeinsamen Ort fortbewegst. Eine neue Abzweigung,
das alte Du zurückgelassen, ein noch nicht neues Du auf den Weg
gebracht. Neu er- und finden, dich häuten, schälen, heraus aus dieser
alten Form, solange bis dir eine neue Haut gewachsen ist, schmerzt das
rohe Fleisch noch bei jedem Schritt. Das Ächzen unserer Welt ist in den
letzten Monaten hörbarer geworden. Ihr Versuch sich neu zu erfinden,
sich wieder zu finden. Während wir eine alte Welt verabschieden (die
vielleicht nie wirklich in dieser Form existiert hat?), sie betrauern
und all unsere „jemands“. Während es heißt: diese Welt wird nie mehr
sein, was sie da vor war.
8.00 Kaffee
Das „Nach“ einem Abschied, beginnt derweil so: am Morgen danach wachst
du auf. Am Morgen danach wachst du trotz allem irgendwann einfach wieder
auf. Wie jeden Morgen. Ist das Bett noch da, der Schrank, der Tisch,
das Zimmer. Die Augen zum Aufschlagen. Das Gefühl aus dem fremd
gewordenen Körper herausbrechen, mit einem lauten Knall in die
darauffolgende Stille explodieren zu wollen. Dich auflösen zu wollen, in
das Nichts, das dir geblieben ist. Nichts, auf das kein lauter Knall
folgt. Nichts, das dich hinterlässt, wie es sich anfühlt, verwüstet.
Bist du die Einzige, die das Echo hört. Während du aufstehst, Kleider
überziehst, Kaffee kochst, Tassen spülst, Tassen abtrocknest, Tassen in
den Schrank stellst. Bist du ein neugeborener Fremdkörper in deiner
eigenen Welt. Aber du fängst auch diesen Tag, diesen Kreis also neu an.
Du fängst, neu, eine Raupe, vielleicht, abgesammelt, nicht im
Mondschein, du gingst heimlich in den Morgentau, eine Raupe abgesammelt,
in die Hosentasche gesteckt, wo sie sich verpuppen darf, wenn sie mag,
in Stoff bewahrt wartet auf ihre Zeit, solange, bis das alte Du dann
endlich das neue gefunden hat. Seine neuen Kräfte entfaltet, die bei
jedem Abschied entwickelt werden. Denn das Du wird nach jedem Abschied
mehr. Du weißt es nur noch nicht.
12.00 Keinen Spaziergang machen
können
Eine Woche später vielleicht, willst du (?) oder wirst du dann zum
ersten Mal wieder den Fuß vor die Tür setzen. Wirst begreifen, dass das
Leben ein Hindernislauf geworden ist. Während du Menschen über das
eigene Entsetzen hinwegtrösten musst. Beileid ein Eisberg, den du nicht
kommen sahst, dem du nicht ausweichen kannst. Der hausgroße Löcher aus
dir reißt. Auf der Einkaufsstraße, Samstag, um 14:12 Uhr, neben dem
Gemüsehändler und unter Kastanienbäumen, ist dein Abschied plötzlich
angekommen. Wird jemand endgültig fortgeweht, auf leeren Worten, die
daran verschwendet werden. Bleibt das langsame, zähe Kollidieren mit dem
Eisberg der diesen Worten folgt. Und die Menschen, die du über dein
Entsetzen hinwegtrösten musst. Während sich die Worte weiter in dich
hineinschrauben. Ist alles gesagt. Hüllst du den Rest in Schweigen.
Stehst auf von der Bank unter den Kastanienbäumen. Rückst die Jacke
zurecht, dein Gesicht und nimmst dich, Satz für Satz, in deinem Mund mit
dir nach Haus.
14.00 Mittagessen
Erst ein Monat mag vergangen sein und schon sollen deine müden Füße
wieder tanzen. Wohin nur tanzen all die anderen Füße, fragst du dich.
Während du nun das Wachsen der Stunden wahrnimmst, es wächst deine
ureigene Zeit. Durch die dein Körper in einer schillernden Blase treibt.
Und dabei alles alleine macht, dieser Körper, wartet nicht mit dir,
eilt diesem Moment einfach davon. Sowie die anderen, denen du nicht mehr
folgen kannst und die Angst haben, etwas in deinem Gesicht kaputt zu
schauen. Und du stellst eine Kerze auf die ausgehobene und
wiederaufgefüllte Erde, bist dankbar für die Stille des Lichts. Befühlst
diese Erde, gräbst deine Hände hinein, in der Hoffnung jemanden dort
wiederzufinden.
16.00 Tee
Sechs Monate danach beginnst du dann, Sätze einzusammeln, pflückst sie
ab von den Mündern. Die überall wie Knospen im Frühling platzten und
eröffnen was reif scheint. Sammelst du Sätze ab, pflückst sie in deinen
Korb, Vergissmeinnicht, die du zu Hause zu Sträußen bindest, zum
Trocknen kopfüber von der Decke hängst und am Abend von unten wie Sterne
zählst. „Das Leben geht weiter.“ „Sei froh, dass du überlebt hast.“
„Das Leben geht weiter.“ „Das ist doch jetzt lange her.“ „Es war Gottes
Wille.“ „Das Leben geht weiter.“
18.00 In der Dämmerung
Gar nicht daran denken müssen, das wäre schön. Wenn da weiterhin Raum
wäre zum Ausweichen. Aber nach acht Monaten ist da nur noch eine
eingesunkene Hülle, in der du als Fremde vor dich hinvegetierst und
beginnst auszulaufen. Eine Fremde, in die du weiterhin Nahrung stopfst,
in den so bedürftigen Körper, kaust, schluckst, kaust. An allem, was dir
zum Erinnern fehlt. Und du stehst in der Manege, die Kleider vom Leib
gerissen: Die Kleider, die Haut, die Muskeln, die Sehnen, die Knochen.
Liegt alles in Fetzen um dich herum, machst dir zum Aufsammeln auch
keine Mühe mehr. Bist heimatlos geworden im eigenen Körper. Wird im
Innern alles neu strukturiert. Während du den anderen das frühere Ich
reichst, zur eigenen Orientierung. Morgens, wenn du die alten Kleider,
Gesten und Worte überziehst, ist alles zu eng geworden, schnürt dir die
Brust ein, wie ein faulendes Korsett. In das du die Neue zwängst, um
wieder jemand sein zu können, den die anderen kennen. Ist die Einzige
von der du weißt, wie sie geht. Niemand will die vertrockneten Reste des
toten Fleisches sehen, das zur Freude aller den Moonwalk
versucht.
23.30 Zur Nacht
Wenn der Jahreskreis sich zum ersten Mal rundet, wirst du das Datum wie
ein schimmerndes Zeichen auf deiner Stirn tragen. Wenn der Postbote
klingelt, der Verkehr weiterfließt, das Telefon schrillt. Wird nur die
Angst bleiben, die anderen könnten herausfinden, wie es dir wirklich
geht. Und in deinem Herzen vielleicht eine Stelle, da blüht nichts
mehr^2^. Währenddessen wird das Verabschiedete zu Ende und Anfang. Wird
alles, was da vor nicht war. Über das sich in kommenden Sommern eine
wilde Erdbeere beugen wird, über den Rand dieses Grabes. Den Kopf
neigen, wird jemand, das rote Fleisch sein darin die gelben Punkte jeder
einzelne Punkt wird die Hummel und ihr Fühlergruß auf der
zurücknickenden Erdbeere wird die dicklippige Nacktschnecke und ihre
Spuren über Blätter wird das Mäuschen zweifarben ein Streifen Fell auf
dem Widerrist gibt die Richtung vor hier wird jemand der Geruch nach
feuchtem Leben und die Wespe die den Tropfen von dem Blatt versaugt
einen kleineren im Tausch zurücklassen wird jemand dort alles überall
wird immer mehr wird immer weniger greifbar. Dort wo du dich von jemand
verabschiedet hast, ist ein fruchtbares Feld geblieben. Dazwischen
vielleicht eine Stelle, da blüht nichts mehr. Du müsstest sie
suchen.
1 aus: Hilde Domin, Nachmittag am
Guadalquivir.
2 aus: Ricarda Huch, Nicht alle Schmerzen sind
heilbar
Teile des Textes sind in dem Roman „Lilium Rubellum“ (Horlemann Verlag) erschienen.
Barcelona, 1. Januar 2022